Ohhh Mann, ich kann euch sagen der Winter ist da, und zwar richtig! Mit Rekordtemperaturen von -42 Grad, und dem ehrenwerten Titel „kältester Punkt in Kanada“, hat es Banff letzten Montag sogar in die Landesnachrichten geschafft! So kalt war es hier laut Statistik bereits seit über zehn Jahren nicht mehr, und so musste den Leute natürlich gleich mal auf allen Sendern in den Nachrichten ein Bild davon vermittelt werden, wie wir uns hier den Allerwertesten abfrieren!
Und für alle diejenigen unter euch, die bereits bei –5 Grad das Jammern anfangen, werde ich euch mal einen kleinen Einblick davon vermitteln, was es heiß an einem Ort zu leben, in dem in der täglichen Wettervorhersage die Tageshöchsttemperatur mit –25 Grad angegeben wird!
Öffnet man die Haustür, steht man augenblicklich in einer weißen Wolke, wenn die warme Innenluft nach draußen strömt und man selbst läuft erstmal gegen eine Wand. Eine Kältewand die einem das Gesicht und jede unbedeckte Stelle des Körpers gefrieren lässt. Nach ein paar Sekunden ist der erste Kälteschock überwunden, aber nun kommt der nächste. Denn irgendwann nimmt schließlich jeder seinen ersten Atemzug im Freien. Und bei –20/30/40 Grad einzuatmen ist eine wirklich interessante Erfahrung: auf der Stelle, noch vor dem eigentlichen Atemzug gefriert die Nasenschleimhaut was erst ein wenig kribbelt und sich dann so anfühlt als hätte man sich etwas in die Nase gesteckt. Das Einatmen durch die Nase wird so derartig schmerzhaft, dass man es besser sein lässt! Bleibt noch der Mund. Doch auch hier wir es nicht viel angenehmer: ein tiefer Atemzug bei –40 Grad ist als ob man ersticken würde. Die Kälte rinnt erst wie Glassplitter durch die Kehle, macht sich dann in den Lungen breit und verursacht einen solchen Hustenreiz als hätte man einen üblen Schlag auf den Rücken verpasst bekommen! Aber, ich beginne so langsam wirklich zu glauben, dass diese ungeheure Kälte das Potential hat Grippeviren zu töten. Denn bisher habe ich noch niemanden gesehen der hier krank ist. Vermutlich kann einfach kein Bazillus dieser Kälte trotzen :-)
Hat man den ersten Moment im Freien überstanden, gewöhnt sich der Körper recht schnell an die extreme Kälte. Allerdings geht nichts ohne außreichende Winterkleidung. Denn trotz Handschuhen, Mütze, Schal etc. spürt man regelrecht wie sich die gesamte Körperwärme in die Körpermitte zurückzieht. Finger, Zehen, Ohren, ja selbst das ganze Bein oder der komplette Arm werden mit der Zeit taub und grau.
Wenn man hier aus dem Haus geht, dann so als hätte man vor die nächste Bank zu überfallen. Außer einem kleinen Spalt für die Augen bleibt nichts unbedeckt. Man zieht sich zwei-, drei- oder sogar vierlagig an, und trotzdem sieht man aus wie eine Schneeleiche wenn man sich auch nur länger als fünf Minuten mal nicht bewegt. Durch den Schal, der um das Gesicht gewickelt ist, steigt der Atem wieder nach oben, was ihn dann in den Wimpern und Augenbrauen wiederum gefrieren lässt. So kommt es, dass man nach einer kleinen Weile ganz weiße, frostige Augenbrauen hat und sich in den oberen Wimpern kleine Eiskristalle gebildet haben, die wiederum, wenn man die Augen zu lange zu lässt, mit den unteren Wimpern zusammenfrieren :-) Ich sag euch, das sind alles seeehr interessante und teilweise auch wirklich lustige Erfahrungen, die man hier macht.
Das einzig positive an dieser Wahnsinnskälte ist, dass es trockene Kälte ist, die einem zwar beinahe das Blut in den Adern gefrieren lässt aber sich nicht so fies durch die Knochen und Gelenke zieht wie diese nasskalten 0 Grad die ich noch sehr gut aus Deutschland in Erinnerung habe. Bei der Kälte die ich noch von zu Hause kenne, ist einem von innen heraus durch und durch kalt und man wird den ganzen Tag nicht wieder warm. Hier hingegen ist es wirklich rein äußerlich. In einem Moment stirbt dir fast dein Bein ab, im nächsten Moment ist alles wieder in Ordnung! Das einzige was die Kälte hier noch unangenehm werden lassen kann, ist der sogenannte windchill. Windchill erhöht den Kältewert, macht die gefühlte Temperatur noch eisiger und lässt unbedeckte Haut binnen Sekunden erfrieren. Minus 30 Grad ohne Wind fühlt sich weit wärmer an und ist ungefährlicher als minus 20 mit Wind. Man sagt das der Windchill die tatsächliche Temperatur ungefähr verdoppeln kann. Bei Wind tränen dir die Augen so sehr als würdest du regelrecht weinen. Und jede Träne die dir die Wange runterläuft gefriert auf der Stelle auf deiner Haut.
Geht man mal vom eigenen Körper weg, merkt man aber auch so in vielen Bereichen die eisige Kälte. Beispielsweise gefrieren hier selbst doppeltverglaste Fenster von innen! Kein Witz! Gefrorenes Kondenswasser sorgt dafür; selbst bei laufenden Innenventilatoren, die zu hohe Luftfeuchtigkeit nach außen ziehen. Denn die Heizsysteme hier sind gleichzeitig Luftaustauscher, damit man im Winter kein Fenster öffnen
muss um an Frischluft zu gelangen. Alles was ich bisher übers Lüften gelernt habe („sie müssen viel lüften um Schimmel zu vermeiden etc“) kann ich hier grad vergessen. Das gilt hier alles nicht! Naja, und Fenster aufmachen geht im Augenblick sowieso nicht, da sie wie schon erwähnt zugefroren sind :-)
Bei solchen Temperaturen sieht man zum Beispiel auch die Leute ihr Auto zehn Minuten vorwärmen, bevor sie losfahren. Nach dem Einsteigen in das Auto stellt man fest, dass der Sitz sich ungewöhnlich hart anfühlt weil er steif gefroren ist. Geparkte Auos am Straßenrand sondern weiße Wolken ab, da die Besitzer den Motor laufen lassen, bis sie vom Einkaufen zurück sind. Umweltschutzgedanken geraten bei der Vorstellung in ein eiskaltes Auto einsteigen zu müssen, das dann womöglich noch nicht mal mehr anspringt in Vergessenheit.
Aber auch als Fußgänger trifft man auf ganz neue Phänomene. So knirscht zum Beispiel der Schnee über den man läuft extrem, und ist man auch für nur fünf Minuten an der frischen Luft, knirscht die Winterjacke bei jeder Bewegung genau wie der Schnee. Die ganze Welt um einen rum wird zur Tiefkühltruhe. Trägt man eine leere Plastikflasche in der Handtasche mit sich rum, so hat sich diese bis man zu Hause angekommen ist komplett zusammengezogen. Und kauft man frisches Obst im Supermarkt, kann man zu Hause einen Teil davon gleich wieder entsorgen, da es bereits auf dem Heimweg Frostschäden erlitten hat.
Aber all das sind Dinge und Erfahrungen die, wie ich finde sehr interessant sind. Und auch wenn ich den Sommer und seine heißen Tage in jeder Hinsicht diesem Wetter hier vorziehe, bin ich doch irgendwo froh das alles einmal miterleben zu können. Einfach nur der Neugier halber, und um zu wissen wie es ist wenn man bei –18 Grad bereits wieder von „warm“ spricht :-)
