Freitag, 12. März 2010

26. Februar: Seetag

Der Virus dreht weiterhin hartnäckig seine Runden. Jeden Tag gibt der Kapitän Updates durch, in denen er uns sagt es sei alles unter Kontrolle und wir würden im Vergleich zu anderen Schiffen in der Gegend ganz gut dastehen. Jedoch kommen jeden Tag noch vereinzelt neue Fälle hinzu. Und solange wie das Schiff nicht vollständig "sauber" ist, bleibt alles geschlossen.

Es gibt also nach wie vor nichts zu tun an Bord. Und so langsam werden Seetage zu echten Geduldsproben. Steffen geht es heute schon wieder besser. Er kann zwar immernoch nicht wieder normal essen, aber sein letzter Besuch im Badezimmer ist über 24 Stunden her, und so darf er zumindest schonmal wieder die Kabine verlassen.

Wir gehen also gemeinsam zum Frühstück, und legen uns dann auf das Promenadendeck. Vielleicht würden wir ja heute mal wieder Delfine sehen.
Nach einem ruhigen, ereignislosen Vormittag, werden wir gegen Mittag auf einmal von einer Durchsage des Kapitäns überrascht:
ein Mann sei laut Zeugenaussage angeblich über Bord gegangen, es würde aber noch weiter nachgeforscht werden. Nur vorsichtshalber würden wir schonmal rumdrehen um die Suche nach ihm aufzunehmen. Man sollte bitte ebenfalls die Augen offen halten, beziehungsweise melden wenn man etwas näheres wüsste.

Zuerst mochte man dieser Durchsage nicht so recht Glauben schenken, aber als wir dann tatsächlich abdrehten, mehrere Besatzungsmitglieder mit Rettungswesten in der Hand ihre Posten aufnahmen, und ein Rettungsboot abgelassen wurde, da verdichteten sich die Beweise, dass tatsächlich etwas passiert sein musste.
Kurz darauf erklang dann nochmal eine Durchsage des Kapitäns, in der er bestätigte, dass in der Tat eine Person über Bord gefallen und dabei von einer Zeugin gesehen worden ist.
Außerdem wurden nochmals alles Passagiere dazu angehalten bei der Suche zu helfen.

In den folgenden Stunden suchten wir alle unermüdlich nach dem Mann. Das ganze Schiff, so schien es, hatte sich an der Reling versammelt und starrte aufs Wasser. Der Kapitän fuhr die gesamte Strecke zurück, bis zu der Stelle an der sich der Unfall vermutlich zugetragen hatte. Wir hielten ganz an, ließen uns ein wenig von den Wellen treiben und drehten uns schließlich um uns selbst. Minuten vergingen, in denen keiner atmete und angestrengt auf die Wasseroberfläche schaute. Aber nichts.

Die Maschinen wurden wieder gestartet und wir fuhren langsam weiter in die Richtung, in die die Person mittlerweile am wahrscheinlichsten abgetrieben ist. Der Kapitan drehte auch hier Runde um Runde. Nichts.

Immer wieder ertönten Durchsagen, in denen der Kapitän weitere Details über aktuelle Lage, Kurs, Windrichtung, Strömung und andere Daten preisgab. In denen er mitteilte wie er bei seiner Suche vorging, wie wir fahren und wo sich die Person laut Berechnung mittlerweile wohl am ehesten befinden würde.

Gegen Nachmittag wurde dann auch die US Coastguard verständigt, welche daraufhin ein Flugzeug schickte, das nun mit dem Schiff zusammen einem Suchraster folgte.
Die Hoffnung den Mann noch lebend zu finden, oder überhaupt noch etwas zu finden wurde zumehmends kleiner. Zudem wurde der Radius in dem wir suchen mussten immer größer.
Es war die Suche nach der Nadel im Heuhaufen!

Dann, nach fünf Stunden unendlichen Suchens ein Zeichen. Das Flugzeug hatte etwas entdeckt und die Position durchgegeben. Sofort beschleunigte der Kapitän und fuhr zu der genannten Stelle. Etwa 10 Minuten später hielten wir wieder an, und alle schauten wieder gespannt auf die Wasseroberfläche. Laut Durchsage des Kapitäns müsste der Körper im Umkreis von 150m zu sehen sein.

Plötzlich wurde das Rettungsboot abgelassen. Eines der Crewmitglieder von der Brücke muss etwas gesehen haben. Wir folgten mit den Augen dem Rettungsboot, dass sich seinen Weg durch die Wellen bahnte. Und dann sahen wir ihn auch: den leblos im Wasser treibenden Körper des Mannes, der vor über fünf Stunden aus einem Grund den wir nie erfahren werden, über Bord gegangen war.

Ich denke jeder an Bord des Schiffes hatte im Moment der Bergung der Leiche einen dicken Kloß im Hals. Auch wenn man nichts sehen konnte, da das Schiff aus Respekt abdrehte und sich das Rettungsboot dazwischen schob, wusste man genau was da draußen passierte. Und es machte einen traurig. Schade wenn eine Kreuzfahrt so zu Ende geht.

Als das Rettungsboot wieder an das Schiff andockte, wurden sämtliche Passagiere aufgefordert das Deck zu verlassen. Diese Aufforderung gingen auch alle anstandslos nach.
Während der nächsten paar Stunden schien die Stimmung an Bord ein wenig gedrückt zu sein. Aber nach einer kleinen Weile kehrte alles zum Alltag zurück. Vergessen werden diesen Tag aber trotzdem nicht.

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